Yogyakarta, Indonesien08/16–11/16

Veronika Burger

[…] Unterschiedliche Arten von Regen-Klängen. Eilig. Viel. Noch mehr. Sintflut. Drückender Regen. Regen, der den Verkehr zum Erliegen bringt. Regen, den man nicht hört. Regen, dem die Hitze folgt. Regen, der am Himmel steht und nicht kommen will. […]

[…] Zur Ruhe kommen und die eigene touristische Ökonomiespur wahrnehmen […]. Frei von permanenter Selbst- und Zeitoptimierung und von täglichen finanziellen Sorgen und Nöten, die ansonsten immer den künstlerischen Prozess mit umkreisen. 24/7 Zeit für Kunst zu haben oder für die Produktion, zum Lesen und Lernen ohne den permanenten drohenden Schatten des Zweit- oder Drittjobs, ist ein ungeheurer Luxus, der ungeheure Energien und Ideen freisetzen kann. Ideen für künstlerische Arbeiten werden ja nicht nur in ständiger Überproduktivität hervorgebracht.

„[…] Das witzige in Jogja ist das Zeitgefühl. Um irgendetwas zu sehen und mitzu­bekommen, muss man das eigene Tempo verändern. Auch im Supermarkt. Da steht eine Riesenschlange an. Niemand beschwert sich. Dann geht die Verkäuferin noch „schnell“ einen passenden Karton holen, um die Sachen fürs Moped zu verpacken. Niemand beschwert sich. Alles wird aufs Moped abgestimmt. Alles. Wirklich alles. Draufgepackt und transportiert. Alles. Niemand der zwanzig Leute, die zum Teil mit Kindern anstehen beschwert sich oder hebt die Stimme. Seelenruhig werden Mails gecheckt und Nachrichten versendet. Niemand sagt was. So langsam wie beim Billa am Samstagnachmittag. Nur niemand schreit: „Kassa bitte!“ Nein. Am Anfang habe ich mir noch gedacht: Oida. Jetzt schreibe ich seelenruhig meine Texte an der Supermarktkasse und beobachte die gelassene Ruhe beim mopedgerechten Verpacken der Einkäufe. Erstaunlicherweise scheint es auch nur Kartons zu geben, die fürs Moped geeignet sind. Während ich seelenruhig meine Mails checke. Allerdings keine Sekunde im Verkehr, scheint alles anders. Es wird gerast. Gedrängelt. Überholt. Alles scheint zu langsam zu gehen. An der Kreuzung läuft immer das Spiel ab, wer zuerst loskommt. […]

1. Dos & Don'ts an diesem Ort:
  Do's: Moped fahren lernen (eher schon MUST!); Moped fahren ohne Ziel und randomly stehen bleiben je nach Lust und Laune; sich um die eigene Körper-Geist-Verbindung kümmern; Indonesisch lernen
  Don'ts: Ohne Ladegerät aus dem Haus gehen.
Mac-Adapter/Mediaplayer vergessen! Diese Tools sind sehr schwer vor Ort zu bekommen bzw. zu leihen.
2. Wo man super Arbeitsmaterial kaufen kann:
  Lensa Jogja (Kameraequipmentverleih)
Toko Serat Lurus (ideal, um günstiges Büro- und Kunstmaterial zu erstehen; ca. 3 min. mit dem Moped entfernt/nahe der Kunstuni ISI)
Yogyatronic (Computer-Zubehör, Druckerpatronen und alles (Un-)Nötige rund ums Smartphone)
Toko Progo (90s Carrefour hat „irgendwie“ alles was man braucht)
Potentiarte (High End Papiergeschäft, Professioneller Kunstbedarf)
Uvindo (Druckerei für Einladungen, Poster, Prints) Kleinere Tokos sperren auch immer wieder auf. Es empfiehlt sich, vor Ort Tipps für den eigenen künstlerischen Bedarf einzuholen.
3. Zum Thema Kunst an meinem Residency-Ort:
  Jogjas Kunstszene ist sehr lebendig und an fast jedem Tag kann man zumindest eine, wenn nicht sowieso mehrere Eröffnungen besuchen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, empfiehlt es sich, dass man sich in den Indoartnow-Newsletter einschreibt. Von Eröffnungen, Vernissagen etc. erfährt man in Jogja am besten über soziale Medien und/oder via Whatsapp durch Freund:innen und Bekannte. Leider funktionieren die Newsletter-Verteilerlisten, in die man sich wiederholt bei Eröffnungen einträgt, nicht. Ein persönliches Institutionen-Best-of: Cemeti, MES 56, Survive!Garage, Ace House, Ark Gallery, Bale Banjar Sangkring, Kunci, IVAA, Krack!, Studio Kalahan, Redbase, Jogja Open Studio Day, Art Jog, Papermoon Puppet Theatre, Teater Garasi, ISI und viele viele mehr … Auch eine wunderbare und empfehlenswerte Aktivität in Jogja: einfach Künstler:innen direkt anschreiben und Termine für Atelierbesuche ausmachen.
4. Rund um das Auslandsatelier – hier kaufe ich ein, hier trinke ich Kaffee und hier gibt’s den besten Mittagsteller in Laufdistanz:
  Mit dem Moped kann man innerhalb von ein paar Minuten Fahrzeit eigentlich alles erreichen: Von der günstigen Wäscherei ums Eck bis hin zu den kleinen und leckeren Warungs an der ISI, die vor allem durch viel „goreng“ überzeugen. Mein tägliches und kulinarisches Frühstücks-/Mittagshighlight war mein Soto Ayam/Soto Kambing mit einem Stück Tempe oder Tahu am Markt. Ein weiteres Highlight an Jogja ist, dass auswärts essen einfach viel billiger ist, als selbst zu kochen. Das ist nicht nur super praktisch, sondern vor allem lecker und zeitsparend!
5. Den Tag lasse ich häufig hier ausklingen (Dinner, Drinks und bester Sound):
  Yoga und im Anschluss Reis, Sambal-dip, Pecel Lele und Papayasalat auf der grünen Terrasse meines Lieblingswarungs an der ISI essen. Im Anschluss einfach Moped fahren und den Fahrtwind genießen, durch Nachtmärkte spazieren oder lange Gespräche genießen. Während meines Aufenthalts haben mich Fortgehen oder Alkohol nur bedingt interessiert. Was natürlich unter anderem an dem restriktiven Ausschank von Alkohol und den damit verbundenen Kosten zusammenhängt. Die Nächte eignen sich aufgrund der Temperaturen sowieso am besten, um zu arbeiten. Und um endlich mal zur Ruhe zu kommen bzw. produktiv „ineffizient“ zu sein.
6. Was ich eigentlich gerne schon am Beginn meiner Residenz über das Atelier gewusst hätte:
  Dass man ohne Smartphone recht aufgeschmissen ist und dass der Verkehr so stark ist, dass man wirklich nichts, gar nichts! zu Fuß laufen kann.


Website Künstler:in:              veronikaburger.com