Herzliya (Tel Aviv), Israel01/18–03/18

Lotte Lyon

Das Atelier ist eigentlich eine Wohnung und liegt im Villenviertel von Herzliya, einer Gemeinde am nördlichen Rand von Tel Aviv. Es besteht aus zwei Räumen und Nebenräumen, mit einem Panoramablick auf Palmen und einen kleinen Streifen Meer. Man hat dort ausreichend Platz, um zu wohnen und zu arbeiten. Die Umgebung ist ruhig, mit wenig Infrastruktur, es gibt aber alles, was man zum Leben braucht. Mit dem Fahrrad kann man leicht zu Geschäften und auch ein paar Lokalen fahren. Besonders schön ist die Möglichkeit, in kurzer Zeit an den nahegelegenen Strand zu gelangen.

Im Gebäude der Herzliya Artists’ Residence gibt es noch zwei Gästewohnungen, die von wechselnden Personen genutzt werden, sowie vier Ateliers, in denen israelische Künstlerinnen arbeiten. Außerdem befindet sich im Haus eine Galerie, in der regelmäßig Ausstellungen, Artist Talks etc. stattfinden.

Tel Aviv erreicht man von der Residency aus in etwa 30 bis 45 Minuten, je nach Verkehrslage. Man muss an einer der meistbefahrenen Straßen Israels auf den Bus warten. Und es ist nicht immer ganz eindeutig, welche Buslinie die richtige ist. Auch die Tatsache, dass am Shabbat – von Freitagnachmittag bis Samstagabend – keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren, kam überraschend. Es gibt aber die Möglichkeit, ein Sherut (Sammeltaxi) zu nehmen, und so ist die Stadt auch am Wochenende erreichbar.

So ruhig und geordnet Herzliya ist, so laut und lebendig ist Tel Aviv. Ich fand gerade diese Kombination besonders angenehm, die Möglichkeit, sich nach einem anstrengenden Tag in der Stadt in der grünen Umgebung der Residency oder am Meer zu erholen.

Es gibt in Israel so viel zu sehen, dass man in drei Monaten niemals fertig wird. Neben Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst, Architektur und Historischem fand ich das tote Meer, die Wüste Negev und den See Genezareth besonders schön. Ich war mehrere Male in Jerusalem, das als religiös geprägte, konfliktreiche Stadt einen starken Kontrast zum hedonistischen Tel Aviv bietet, und habe einen Ausflug ins Westjordanland, nach Ramallah und Hebron, unternommen. Ich war in Yad Vashem und habe die Damen im Pensionistenclub der österreichischen Holocaust-Überlebenden in Tel Aviv besucht.

Als Österreicherin halte ich es nach wie vor für unumgänglich, sich mit den Auswirkungen der NS-Zeit und der Ermordung und Vertreibung der Juden auseinandersetzen. Zu sehen, dass und wie ein jüdischer Staat – mit allen seinen Problemen und Brüchen – existiert und funktioniert, war für mich sehr aufschlussreich. Und ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es auch von israelischer Seite Interesse gibt, sich über die gemeinsame Geschichte auszutauschen.

Was die Situation vor Ort betrifft, so habe ich mich nur manchmal unsicher gefühlt. Herzliya ist ohnehin eine besonders ruhige und wohlhabende Gemeinde. Aber selbst in den rauheren Gegenden von Tel Aviv kann man sich, auch als Frau, alleine sicher bewegen. Meine Angst vor Anschlägen und Terror hat sich in Grenzen gehalten, ich hatte den Eindruck, dass die Gewalt hauptsächlich zwischen Palästinensern und Israelis stattfindet und dass man als Gast aus dem Ausland nicht hineingezogen wird. Natürlich ist es anders als im friedlichen Österreich, die Präsenz von bewaffneten Sicherheitskräften ist enorm, und man hat das Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte. Aber gerade diese Erfahrung zu machen – wie man in einer so krisenhaften und schwierigen Region lebt –, war für mich wichtig und interessant.

1. Mein Aufenthalt im Atelier in einem Wort:
  unvergleichlich
2. Das fehlt mir/das vermisse ich, seit ich nicht mehr dort bin:
  Die Offenheit und Direktheit der Menschen, das gute Essen, die Palmen und die Papageien.
3. Dos & Don’ts an diesem Ort:
  Do: Mit dem Fahrrad an den Strand von Herzliya fahren.
Don’t: Nicht nach Tel Aviv fahren, weil man keine Lust hat, an der Schnellstraße auf den Bus zu warten.
4. Wo man super Arbeitsmaterial kaufen kann:
  5-Schekel-Shop (z. B. neben der Stadtbibliothek von Herzliya), Baumarkt im Keller vom 7 Stars Mall, Arta (Kunstbedarf, zwei Filialen in Tel Aviv)
5. Das sollte man unbedingt von zu Hause mitnehmen:
  Nichts, man kriegt alles.
6. Zum Thema Kunst an meinem Residency-Ort:
  Museen, Galerien, Offspaces sind in Tel Aviv und Jerusalem reichlich vorhanden. Und das Museum für moderne Kunst in Herzliya ist sehr gut.
7. Rund um das Auslandsatelier – hier kaufe ich ein, hier trinke ich Kaffee und hier gibt’s den besten Mittagsteller in Laufdistanz:
  Man hat die Wahl zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ende der Nordau Street. Im Norden gibt es das Café Efrat zum Kaffeetrinken und Essen. Außerdem ist das Obst- und Gemüsegeschäft dort sehr gut. Im Süden gibt es den Sushi-Room und eine Art Diner, die kochen beide gut. In der Bäckerei daneben gibt es guten Kaffee und Süßes dazu.
8. Den Tag lasse ich häufig hier ausklingen (Dinner, Drinks und bester Sound):
  In den Bars am Strand.
9. Was ich eigentlich gerne schon am Beginn meiner Residency über das Atelier gewusst hätte:
  Dass es nur 10 Minuten entfernt, im Kfar Shmaryahu Sports Club, ein gutes Schwimmbad gibt.


Website Künstler:in:              lottelyon.com