Peking, China04/19–06/19

Marit Wolters

Eine Stadt, der man beim Umbauen zuschauen kann. In Jingwang mittendrin. Umgeben von in Reih und Glied gepflanzten Wäldchen und einer Menge Bauland, befindet sich das kleine Dorf mit ca. 15 000 Einwohnern am Rande einer riesigen Metropole. Eigentlich sollte es der Greenbelt der Stadt werden hier draußen – das Aushängeschild einer neuen Ökopolitik der Regierung. Doch dann wuchs die Stadt einfach über die Pläne hinaus und aus gerade angepflanzten Wüstenwäldern wurden Wohnturmsiedlungen. Sie sprießen wie Pilze über Nacht aus der Erde, schwimmen wie Inseln in einem Meer aus Brachland. Die Banner mit politischen Parolen an den Zäunen sorgen für die richtige Einstellung der Bewohner.

Man lebt hier draußen nicht schlecht.

Am Abend versammelt sich der Ort auf dem Platz, und es wird getanzt, bis man die Füße des Vordermannes nicht mehr sehen kann und ins Stolpern gerät. Als Fremder erkennt man die Unterschiede der verschiedenen Tanzgruppen nicht und kann sich ganz leicht einfach einer Gruppe für die tägliche körperliche Ertüchtigung anschließen.

Auch die nicht-tanzenden Bewohner der Nachbarschaft fühlen sich wohl und verbringen die lauen Sommernächte gemeinsam in den Restaurants oder auf den Bänken entlang der Straße.

1. Mein Aufenthalt im Atelier in einem Wort:
  Leben auf einer bizarren Insel.
2. Dos & Don’ts an diesem Ort:
  Dos: Jeden anquatschen, von dem man etwas wissen will: Man wird nie eine unfreundliche Antwort bekommen. Red Brick Art Museum: Der tollste Museumsgarten der Welt! Blindenmassage! Wo auf der Welt kriegt man schon eine einstündige Ganzkörpermassage für 10 Euro?
Don’ts: An großen Straßen Fahrrad fahren: Der Smog bringt einen um, und unter ’ner Maske schwitzt man nur.
3. Das fehlt mir/das vermisse ich, seit ich nicht mehr dort bin:
  Das überraschend gute Essen. Ich hatte vorher vor einer Diät, bestehend aus frittierten Schweineinnereien, Angst, musste dann aber feststellen, dass sie eine unglaublich tolle Auswahl an vegetarischen Gerichten haben: Tausend verschiedene Gemüsesorten, in den unterschiedlichsten Varianten zubereitet. Als Vegetarier hat man es da eigentlich besser als bei uns. Auch, dass stets gemeinsam bestellt und das Essen geteilt wird, vermisse ich schon jetzt.
4. Wo man super Arbeitsmaterial kaufen kann:
  Im Viertel um die Kunsthochschule. Der Betreuer Xiao Rong zeigt einem gerne die besten Orte. Wenn man jemanden hat, der für einen das chinesische Internet bedienen kann, dann wohl auch auf tabobao: Dort gibt es alles, was man sich wünschen kann, geliefert in 24h max.
5. Das sollte man unbedingt von zu Hause mitbringen:
  Wenn man gerne Kräutertee trinkt, dann sollte man sich davon genügend mitnehmen. Tee ist in China immer grüner/weißer Tee. Unser Kräuterteekonzept kennen sie nicht.
6. Zum Thema Kunst an meinem Residency-Ort:
  Ich habe festgestellt, dass meine Kunst da so gar nicht reinpasst. Wenn es um Bildhauerei geht, geht es dort immer um riesige Dimensionen und zumeist High-End-Produktionen, bis aufs letzte blank poliert. Nicht ganz meine Welt, aber interessant, das mal so zu sehen. Auch der handwerkliche Aspekt spielt generell noch eine größere Rolle.
7. Rund um das Auslandsatelier – hier kaufe ich ein, hier trinke ich Kaffee und hier gibt’s den besten Mittagsteller in Laufdistanz:
  Das beste Essen wohl im Supermarkt um die Ecke – es gibt eine Theke mit kalten Gerichten. Da isst man schnell mal für 1Euro Mittag daheim. Es lohnt sich, beim Ankommen einfach alle Supermärkte mal abzulaufen und den persönlichen Favoriten zu finden.
8. Den Tag lasse ich häufig hier ausklingen (Dinner, Drinks und bester Sound):
  In Jingwang, wo die Wohnung ist, gar nicht so einfach. Besser in der Innenstadt z. B. im Dada, in der Bar des Autospace oder bei einer Eröffnung im I: project space (persönlicher Favorit!).
9. Was ich gerne schon am Beginn meiner Residency über das Atelier gewusst hätte:
  Wenn man schon auf dem Weg ist, kommt es ohnehin so wie es kommt.


Website Künstler:in:              maritwolters.com