Heidi Schatzl
Im Rahmen von FREE AWAY.
Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 befindet sich Israel in einem Mehrfrontenkrieg, infolgedessen ich meinen Aufenthalt vorzeitig abbrechen musste. Die Raketenangriffe verbrachte ich in israelischen Bunkern; die Fortsetzung meiner Residency im Herbst verlief unerwartet ruhig. So wenig dem Waffenstillstand Dauer zugesprochen wird, so sehr erlaubt er ein Aufatmen – und das Staunen darüber, dass er bislang jeden Tag aufs Neue hält.
Im Moment zählen kleine Schritte, Begegnungen, der Austausch von Person zu Person. Denn die Währung, die in Israel am meisten zählt, heißt Vertrauen. An oberster Stelle steht das Vertrauen darauf, auch morgen noch hier zu sein.
Als Touristin habe ich die Freiheit, die Wege jüdischer und arabischer Israelis zu gehen. Vor dem Krieg, als ich noch mit dem öffentlichen Bus in die Westbank fuhr, fragten mich die Leute, wie es auf der anderen Seite der Grenze sei. Seit dem Krieg werde ich gefragt, wie ich überhaupt hierhergekommen bin. Was ich hier mag. Manchmal wird mir belustigt bescheinigt, dass es womöglich sogar die Menschen sind, die ich mag.
Ich hatte zwei Ausstellungen. Eine davon war vom Parkplatz aus erreichbar, an dem Rabin nach der Friedenskundgebung 1995 ermordet wurde. Seit ich den Film von Amos Gitai gesehen habe, bin ich mir nicht sicher, ob er unter den Stützpfeilern des Rathauses nicht immer wieder aufs Neue stirbt. Noch heute wissen viele Israelis genau, wo sie sich zum Zeitpunkt seiner Ermordung befanden. Lange davor hatte eine Nachbarin neckisch „Mr. Who?“ zu seinem Foto geschrieben und es in ihr Familienalbum geklebt – im Wissen, dass sein Name ohnehin bleiben würde.
Laut einer aktuellen Umfrage schätzen Israelis die Gefahr der sozialen Spaltung im Land deutlich höher ein als jede andere Bedrohung von außen. Will man das diverse Israel wirklich kennenlernen, ist jetzt der Zeitpunkt dafür.
| 1. | Mein Aufenthalt im Atelier in einem Wort: |
| zeva adom (Alarmstufe rot) | |
| 2. | Dos & Don'ts an diesem Ort: |
| – Verlässliches Netzwerk aufbauen – Sicherheitslage nicht außer Acht lassen – Sich auf das Land und seine Leute einlassen und Stereotype (im Kopf) vermeiden – Zeitungen lesen und sich aus mehreren Quellen informieren |
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| 3. | Das fehlt mir/das vermisse ich, seit ich nicht mehr dort bin: |
| Die Offenheit, mit der Menschen einander im direkten Kontakt begegnen. | |
| 4. | Super Arbeitsmaterial gibt’s hier zu kaufen: |
| Fotoausarbeitung: Printhouse in Tel Aviv-Jafo | |
| 5. | Das sollte man unbedingt von Zuhause mitbringen: |
| Entlehnkarte der Wiener Büchereien (für das Lesen internationaler Zeitungen), Espressokocher, Zitronenpresse, Bücher. | |
| 6. | Zum Thema Kunst an meinem Residency-Ort und wo ich die besten Ausstellungen besucht habe: |
| Israelische Museen stellen seit den letzten Jahren auffällig gute palästinensische Künstlerinnen (nur Frauen) aus, z.B. im Tel Aviv Museum of Art oder im Israel Museum (Jerusalem). Ansonsten auch: Haifa Museum of Art, Beit HaGefen, Haifa, Liebling Haus (Tel Aviv). |
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| 7. | Rund um das Auslandsatelier – hier kaufe ich ein, trinke Kaffee und finde das beste Mittagsmenü um die Ecke: |
| Kaffee trinke ich überall, wo es Bücher oder Mohnstrudel gibt, z.B. in div. Universitäts- oder Bibliothekscafés, im Israel Museum, Aza St, YMCA, Educational Bookshop, Rub’a el-Adawiya St, Österr. Hospiz. Zum Essen kann ich Märkte empfehlen, z.B. in Haifa (Shuk Talpiot) oder in Jerusalem (Mahane Jehuda oder beim Damaskustor), oder das Restaurant Fattoush in Haifa. |
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| 8. | Den Tag lasse ich bei einem Dinner, Drinks, gutem Sound oder zum Networken häufig hier ausklingen: |
| Ich bin oft im Zug, oder wenn es geht, am Meer. Networken am besten bei Ausstellungseröffnungen oder Einladungen. |
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| 9. | Was ich eigentlich gerne schon am Beginn meiner Residency über das Atelier gewusst hätte: |
| Ich hatte eine freie Residency und habe meine Unterkunft über Airbnb und Freunde gebucht. Das hat gut geklappt. Das Angebot auf Airbnb wird aber weniger. |
Website Resident: heidischatzl.wordpress.com